Teilhabechancengesetz: Abbrüche und Übererfassung

Seit dem 1.1.2019 bieten die §§ 16e und 16i SGB II Instrumente zur Eingliederung von Langzeitarbeitslosen und Langzeitleistungsbeziehenden an (sog. „Teilhabechancengesetz“).

Für den November 2019 hochgerechnet werden rd. 33.100 Personen nach §16i SGB II (Teilhabe am Arbeitsmarkt) gefördert und rund 7.700 Personen nach §16e SGB II (Eingliederung von Langzeitarbeitslosen), zusammen ca. 40.800 Geförderte (Bestandszahlen).

Die Austritte aus der Teilhabe am Arbeitsmarkt oder der Eingliederung von Langzeitarbeitslosen können derzeit nicht nach Austrittsgründen dargestellt werden. Dies ist für das erste Quartal 2020 geplant. Die Bundesregierung geht davon aus, „dass derzeit alle Austritte aus Förderung, vorzeitige Beendigungen sind. Bei der Teilhabe am Arbeitsmarkt wurden rund 1.000 Förderungen beendet und bei der Eingliederung von Langzeitarbeitslosen rund 230.“ (Bundestags-Drucksache 19/14003 vom 14.10.2019)

Das wäre eine Abbruchquote von bislang etwa 3,5%. Diese wird sicher deutlich zunehmen, wenn eine nennenswerte Anzahl von Geförderten am Ende ihrer Probezeit stehen wird.

Eine Besonderheit bei der Auswertung der Daten ist, dass die Statistik eine Übererfassung aufweist. Bundesweit sind etwa 5,4% der Förderungen zur Teilhabe übererfasst. Dies liegt daran, dass manche Jobcenter sowohl die Lohnförderung als auch die Begleitung jeweils als eigene Förderung erfasst haben. Dies wird korrigiert werden. Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit weist diese Überfassung nach Region aus. Die Streuung ist dabei sehr groß, auch wenn nicht viele Jobcenter betroffen sind. Im November 2019 hatte ein Jobcenter eine Überfassung von 177%. Das ist bei lokalen Betrachtungen zu berücksichtigen.

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2 Antworten zu Teilhabechancengesetz: Abbrüche und Übererfassung

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  2. M.N. sagt:

    Moin!
    Der Einsatz eines verpflichtenden Coaching ist aus den Erfahrungen mit Integrationsprogrammen der vergangenen Jahre sinnvoll. Also keine „Hintertür“, die in Programmen schnell zum Hauptausgang werden kann.
    So weit so richtig und seit vielen Jahren eine Forderung der Fachkräfte.

    Allerdings gibt es nach meinem kleinen und selektiven Überblick (15 Coachingteilnehmer §16i) Unterschiede in der Besetzung durch die Jobcenter.

    In der Region Hannover, in der ich für einen Bildungsträger coache, hat man bei Besetzungen auf Vorerfahrungen zurückgegriffen; darauf also, dass Arbeitgeber und Teilnehmer sich bereits kennen.
    Vor allem aus Arbeitsgelegenheiten mit MAE und aus dem §16e Programm.
    Diese Stellen wurden dann in §16i-Stellen gewandelt.
    Die Teilnehmer brachten sozusagen ihren Arbeitsplatz schon mit. Creaming der besonderen Art 😉

    Diese Gruppe von Teilnehmern benötigt nach meiner – selektiven -Erfahrung (15 TN) nur bedingt das Coaching zur Verhinderung von Abbrüchen. (Die vormaligen §16e-ler haben auch schon Coaching hinter sich.)
    Die Wahrscheinlichkeit eines Abbruchs bei den klassischen „Gründen für Abbrüche“ wie sie für den alten §16e dokumentiert ist, scheint bei dieser Gruppe nach Erfahrungen von gut 10 Monaten gering.

    Der Interpretationsspielraum zur Intensivität des Coachings wäre nach meiner Einschätzung bei dieser Gruppe gut mit dem Instrument der „probatorischen Sitzungen“ umzusetzen, wie es in der Psychotherapie genutzt wird. 10 bis 15 Sitzungen und dann schauen Coach und Teilnehmer, ob ein weiteres Coaching erforderlich scheint oder nicht.

    Anders dürfte es in anderen Jobcentern sein, in denen man stärker auf Teilnehmer zurückgreift, die aktuell in keiner Maßnahme stehen oder mittelfristig standen.
    Hier berichten Kollegen, wird zunächst eine Einzelfallbetreuung vorgeschaltet, um Arbeitsplatzakquise zu betreiben und die Aktivierung und Stabilisierung des Teilnehmers. Ist ein Job gefunden, wird dann allerdings dieses Coaching nicht überführt in ein §16i-Coaching, sondern endet und der Teilnehmer wird in ein neues Beratungsbiotop verpflanzt. Tja.

    Aktuell ist nun, dass mit der Umsetzung der letzten Änderung der Weisungen zum §16i, gültig ab dem 06.11.2019, die Trägerschaft des Coachings vor Ort weitestgehend so interpretiert wird, dass das Jobcenter selbst das Coaching übernimmt.
    Ob dies bundesweit so interpretiert wird, kann ich nicht einschätzen und mir bei der angepeilten Zahl der §16i-Stellen von den Personalressourcen der Jobcenter hernicht vorstellen. (Eigentlich bei dem zeitlichen Aufwand schon jetzt nicht.)
    (Abgesehen vom fachlichen Konzept eines ganzheitlichen Coachings, in dem mit den Teilnehmer auch Themen bearbeitet werden, die die Teilnehmer nicht mit „dem Jobcenter“ besprechen möchte.)

    Die Verträge bei Sozialen Trägern mit haben bei meinen betroffenen Teilnehmern die Laufzeit von 2 Jahren (Gewissermaßen „zweite Probezeit“); während die Teilnehmer in der Privatwirtschaft durchgängig 5-Jahres Verträge haben.

    Mit Ablauf des 2. Jahres wird nach meiner Einschätzung die Eigenanteilsquote bei Sozialen Trägern finanziell nicht für alle §16i-Teilnehmer zu stemmen sein.
    Sollte hier kein Übergangsmanagement vorgeschaltet werden, wird es in 2021 einen signifikanten Anstieg der Abbrüche geben.

    Lösung könnte sein, dass ein Drittmittelprogramm aufgelegt würde, wie bei dem alten §16e-Programm zur externen Finanzierung des Eigenanteils der Träger.
    Nach meinen ersten Kontakten und Nachfragen N-Bank, ESF und Ministerium) ist da aber noch nichts in Planung.
    Sollte jemand da schon mehr wissen, bitte veröffentlichen. Danke.

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